Bewusstseinstexte Dr. W.-J. Maurer

Zum 2. Advent: Sich mit sich selbst befreunden

von Dr. Wolf-Jürgen Maurer

 

Es war einmal ein Junge, der einen Hund hatte. Der Junge und der Hund liebten einander und spielten glücklich wie die besten Freunde.

Doch eines Tages machte der Hund etwas, das den Eltern des Jungen nicht gefiel. Um seine Eltern zu beschwichtigen, musste der Junge den Hund fortschicken.

Jahre vergingen und der Junge vergaß, dass es jemals einen Hund gegeben hatte. In seinem Inneren gab es jedoch nach wie vor einen Ort, an dem etwas fehlte. Als er ein Mann war, rief ihn diese leere Stelle so stark, dass er sich auf die Suche nach dem machen musste, wonach sie verlangte.

Seine Suche brachte ihn an den Rand eines Waldes. Ohne zu wissen warum, setzte er sich einfach hin und wartete. Langsam, ganz allmählich, erschienen zwei leuchtende Augen in der Dunkelheit des Waldes. Langsam, allmählich tauchte eine lange, spitze Nase auf. Der junge Mann wartete. Schließlich kam ein Tier aus dem Wald geschlichen: abgemagert, mit Narben übersät, schmutzig und mit zotteligem Fell. Man konnte kaum erkennen, dass es sich jemals um einen Hund gehandelt hatte.

Der junge Mann grüßte ihn sanft: „Hallo“. Der hässliche Hund verharrte misstrauisch. Der junge Mann spürte in seinem Körper, wie sich die Erinnerung an die guten und glücklichen Zeiten mit seinem Freund regte. Er sprach zu dem Tier vor ihm: „Ich möchte wissen, wie es für dich war, all diese Jahre in der Verbannung.“ Und auf seine eigene Art und Weise erzählte der Hund ihm dies und jenes. Traurig, einsam, verängstigt, verbittert…

Der junge Mann ließ den Hund wissen, dass er ihn gehört hatte. Er hatte alles gehört, was jener durchgemacht hatte. Und durch das Zuhören taute der Hund sichtlich auf, er wurde freundlicher und vertrauensvoller.

Nach einer Weile kam er nahe genug, um berührt zu werden. Als der junge Mann ihn anfasste, konnte er spüren, wie sich die leere Stelle in seinem Inneren zu füllen begann.

Und schon bald nachdem er den Hund mit nach Hause genommen, gebadet und ihm einen warmen Platz beim Feuer gegeben hatte – als dieser sich wieder geliebt fühlte – war er nicht länger hässlich.

Er war wunderschön.

(Nach A. Weiser-Cornell)

Wie in dieser Geschichte des Hundes fühlen Menschen , die im Laufe Ihrer Kindheit zugunsten der Bindungssicherung eigene von der Herkunftsfamilie ungeliebte Persönlichkeits-Anteile in ihren Seelenkeller verbannt haben, eine innere Leere, die sie mit selbstausbeutender Leistung, selbstentfremdendem Perfektionismus sowie zerstörerischem Konsum-und Suchtmittelmissbrauch zu füllen suchen. Aber dieses Loch im eigenen Ich kann durch nichts Äusseres nachhaltig gestopft werden.

Hierzu bedarf es des lange schamängstlich vermiedenen Blickes nach innen und die radikale Akzeptanz aller Schattenanteile, des Willkommenheissens aller ungeliebten Seiten der eigenen Persönlichkeit sowie Bereitwilligkeit und Raum, um auch unangenehme Gefühle im eigenen Körper achtsam zu fühlen und anzunehmen.

Der ultimative Test auf Selbstliebe ist die Fähigkeit zu Stille und Inaktivität, allein mit sich sein und sich selbst aushalten zu können ohne vor den dann auftauchenden schmerzlich-ängstigenden Gefühlen in äussere Aktivität und Ablenkung zu fliehen. Diese ständige Flucht vor den eigenen Schattenseiten kostet nämlich enorm viel Kraft und erhält eine permanente Unruhe und diffuse Mangelgefühle aufrecht.

Wer mit sich selbst nicht im Frieden ist, schafft äusseren Unfrieden, denn Wahrnehmung ist Projektion. Ich verurteile im Aussen das, was ich im eigenen Inneren nicht als zu mir gehörig annehmen kann. So erzeugen aus kindlichen Verletzungen resultierende abgespaltene Scham-und Schuldgefühle sowie Selbsthass und Selbstablehnung diese äussere Welt mit all ihrem Hass, Gewalt , Verurteilung und Unfrieden. Eigene projizierte Angst- und Schuldgefühle halten diese konfliktvolle Welt des Schreckens , der Trennung und des Gegeneinanders am Laufen.

Die selbstmitfühlende Zuwendung zu lange abgespaltenen kindlich-verletzten Persönlichkeitsanteilen ist der Weg, sich mit sich selbst zu befreunden und schliesslich heil und ganz zu werden. Und dies ist auch der grundlegende Weg von der Aus-und Abgrenzung zu mitmenschlicher Annahme und Verbundenheit.

Der adventliche Weg von der Angst nach Hause, zurück zu Liebe und Frieden, bedeutet eben keine sentimentale Gefühlsduselei, sondern verlangt viel mehr den Mut, zur eigenen Verletzlichkeit zu stehen und sich selbst aufrichtig zu begegnen. Nur wer ein offenes Herz für sich selbst -und dadurch auch für andere hat-, wird immer mehr wahrer Mensch- mit der Fähigkeit zu lieben und zu vergeben.

Wer es wagt, in die eigene Dunkelheit zu schauen, der wird ein Licht für diese Welt.

Diesen Mut wünscht ihnen,

Dr. Wolf-Jürgen Maurer

 

Das Hörbuch zu diesem Thema finden Sie hier:

PSS 7, Selbstwertschätzung- Freundschaft mit sich selbst schließen

 

Dazu passende/weiterführende PSYCHOSOMATIK SCHEIDEGG Folgen:

7, 5, 8, 1, 14, 15, 18, 21, 23, 5, 27, 26

 

Hörbuchempfehlungen zur Weihnachtszeit:

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