Bewusstseinstexte Dr. W.-J. Maurer

„Grübelitis“

 

Loslassen und Achtsamkeit

(Dr. W.-J. Maurer)

Sorgen-, Grübeln macht nicht nur unzufrieden, sondern auch krank. Schmerzhafte Verspannungen, Ängste und depressive Verstimmungen sind die Folge.

Ich empfehle Ihnen deshalb den Weg des Loslassens und Übungen der Achtsamkeit.

Die eigene Zukunft entwerfen, voraus zu schauen und zu planen, Schwierigkeiten vorwegzunehmen, ist eine wichtige Fähigkeit des Bewusstseins des Menschen. Wenn der „Sorgen-Gaul“ allerdings mit einem durchgeht, das Denken auf Autopilot schaltet, der Mensch nicht mehr abschalten kann, kehrt sich das Positive ins Negative und Schädliche.

Grübelitis macht krank. Nicht nur Unzufriedenheit sondern auch Ängste, Depressionen, Schmerzen und Kopfzerbrechen mit vielfachen Verspannungen können die Folgen sein.

Wie aber Sorgen loslassen?

Sorgen und beunruhigende Gedanken können sich verselbstständigen und ein Eigenleben führen. Ein Gedanke, der Stress hervorruft, neigt nämlich dazu, eine Art gedankliche Kettenbildung auszulösen, indem er sich mit einem Gedanken ähnlichen Inhaltes verbindet, was puren Stress bedeutet. Eine Gedankenlawine entsteht.

Um wieder aus der toten Welt des Denkens aufzutauchen und Sorgen los zu lassen, haben sich Achtsamkeitsübungen sehr bewährt.

Zum Beispiel könnten Sie sich auf einen Stuhl setzen, bewusst und tief in den Bauch hinein ein- und ausatmen, ruhig mit einem Seufzer, so dass sich Spannungen bei der Ausatmung lösen können. Sie könnten vor Ihrem inneren Auge folgendes Bild entstehen lassen:

Es ist ein wunderschöner Tag. Sie haben sich aufgemacht zu einem kleinen Fluss. Das grüne Ufer lädt zum Verweilen ein. Das Flüsschen fließt direkt an Ihnen vorbei und ist nach 100 Metern hinter einer Biegung nicht mehr zu sehen. Sie lassen sich am Flussufer nieder, hören das Gurgeln des Wassers und das Zwitschern von Vögeln über sich. An diesem Ort können Sie alle Sorgen und Ängste loslassen. Sobald ein beunruhigender Gedanke auftaucht setzen Sie ihn einfach auf ein Blatt oder ein Holzstückchen. Sehen Sie zu, wie es in der leichten Strömung seinen Weg findet, davon treibt und hinter der Biegung verschwindet. Sollte der nächste Gedanke auftauchen, machen Sie es genauso. Lassen Sie alle Gedanken zu Blättern oder Holzstückchen werden, die davon treiben. Wiederholen Sie diese Übung oft.

Gedanken suggerieren uns immer wieder wie wichtig sie seien. Viele Gedanken beschäftigen sich allerdings permanent mit der Vergangenheit. War die Entscheidung da und da richtig? Hätte ich nicht besser…? Was ist in meiner Kindheit schief gelaufen, dass ich immer so depressiv bin? So oder ähnlich denken wir an die Vergangenheit. Kein Mensch käme auf die Idee immer in Zeitungen zu blättern, die uralt sind. Setzen Sie diesem Blättern in der Vergangenheit ab und an ein Ende. Achtsamkeit bedeutet bewusst im „Hier und Jetzt“ zu leben, immer öfter, und wir sind aufgefordert, dies immer wieder zu üben. „Wenn ich esse, dann esse ich, wenn ich gehe, dann gehe ich, wenn ich sitze, dann sitze ich“, sagte ein Weiser. Schenken Sie allem was Sie tun, so alltäglich und banal es auch erscheint, Ihre volle Aufmerksamkeit.

Wandern Sie z. B. im Sitzen oder Liegen, nach einer kurzen Konzentration auf Ihren Atem, achtsam durch Ihren ganzen Körper. Machen Sie eine achtsame Bestandsaufnahme des Zustandes Ihres Köpers: Wo fühlen Sie Verspannungen, Beklemmung und Unwohlsein? Fangen Sie beispielsweise unten bei den Zehen an, registrieren Sie nur aufmerksam was Sie wahrnehmen, ohne etwas zu bewerten, zu beurteilen oder etwas verändern zu wollen.

Wenn Problem-Gedanken auftauchen, können Sie einen bestimmten Ort und eine festgelegt, gegrenzte Zeit (ca. 30 min.) in einem definierten „Sorgen-Stuhl“ einrichten, wo Sie aktiv nach eigenen, aktiven Lösungsmöglichkeiten suchen. Wenn die Zeit um ist (Wecker klingelt), verlassen Sie den „Sorgenstuhl“ und verwiesen Grübelgedanken auf den nächsten Tag zur definierten Zeit und Ort.

Wenn – Dann

Die Wenn-Bedingungen halten uns vom Leben im Hier und Jetzt ab. Sie sind scheinbar auf die Zukunft gerichtet, verheißen uns dann und dort ein besseres Leben, sind aber eigentlich eine Illusion, die uns hier und jetzt wie ein lebender Toter existieren lässt. Sobald ich in den
Wenn-Bedingungen lebe, also ohne Achtsamkeit auf das, was ist, nehme ich nicht am Leben jetzt teil, sondern verschiebe es permanent mit einem Versprechen an mich selbst auf später: Wenn ich erst meine Ausbildung beendet habe, dann… Wenn ich erst eine Partnerin habe… Wenn ich endlich weniger wiege… Wenn die Kinder aus dem Haus sind…

Sie könnten sich entspannt setzen oder liegen, die Augen schließen und sich vorstellen, Sie seien etwa 80 Jahre alt, aber noch bei bester Gesundheit. Sie hatten ein langes, ein erfülltes Leben. Es geht Ihnen gut. Erinnern Sie sich aus dieser Perspektive heraus an die einzelnen Wenn-Bedingungen. Was haben diese nach der langen Zeit von 30, 40 oder
50 Jahren noch für eine Bedeutung. Ihr Leben neigt sich dem Ende zu und Sie blicken auf Ihre Sorgen und Ängste zurück. Wie wichtig erscheinen aus dieser Perspektive die Dinge, die Sie damals für unbedingt not-wendig gehalten haben. Wenn Sie sich vorstellen, dass Sie aus der Perspektive eines alten Menschen auf Ihr Leben zurückschauen, werden Sie Ihre Achtsamkeit auf die Dinge des Lebens richten, die wirklich wichtig sind. Wahrscheinlich auf Augenblicke der Liebe, der Umarmungen, der stillen Momente, der sinnlichen Erlebnisse, auf Augenblicke der Begegnungen, der Freundschaft und der Unterstützung.

Statt unsere Sorgen zu zählen, können wir unsere Aufmerksamkeit auf die vielen kleinen Glücksmomente jeden Tages legen. Manchmal gibt es Tage, an denen wir nur das Negative wahrnehmen. Aber der Tag an sich ist weder gut noch schlecht. Er ist das, was wir daraus machen. Auch an einem Tag, den wir so negativ gesehen haben, haben die Vögel gezwitschert, hat die Sonne geschienen oder ein Regen hat für Fruchtbarkeit gesorgt. Die Geschichte des alten Grafen, der ein Lebensgenießer war, zeigt uns hier einen neuen Weg: Er verließ niemals das Haus, ohne vorher eine Hand voll Bohnen einzustecken. Er tat dies nicht etwa um die Bohnen zu kauen. Er nahm sie vielmehr mit, um so die schönen Momente des Tages bewusster wahrzunehmen und sie besser zählen zu können, wie jede positive Kleinigkeit, die er tagsüber erlebte, z. B. einen fröhlichen Plausch auf der Straße, das Lachen eines Menschen, ein köstliches Mahl, einen schattigen Platz in der Mittagshitze. Für alles, was die Sinne erfreute, ließ er eine Bohne von der rechten in die linke Jackentasche wandern. Abends saß er dann zuhause und zählte die Bohnen aus der linken Tasche. Er zelebrierte diese Minuten. So führte er sich vor Augen, wie viel Schönes ihm an diesem Tag widerfahren war und er freute sich und wurde sehr dankbar. Und sogar an einem Abend, an dem er bloß eine einzige Bohne zählte, war der Tag gelungen – es hatte sich gelohnt zu leben.

Annehmen

Manchmal befinden wir uns in Situationen, die uns stressen und die wir einfach nicht ändern können. Liebeskummer, Schmerzen, finanzielle Engpässe. Es geht dann darum, zu lernen, die Situation so wie sie ist, anzunehmen. Annehmen bedeutet nicht gut heißen. Es bedeutet lediglich festzustellen, dass ich die Lage im Moment nicht ändern kann. Lassen Sie beim Sitzen oder Liegen Ihren Atem kommen und gehen, beobachten Sie ihn, ohne ihn verändern zu wollen. Atmen Sie tief ein und ganz tief aus. Sie können versuchen Ihre Gedanken mit einem scharfen „Stop“ für den Moment einzustellen. Wenn das „Stop“ nicht funktionieren sollte, lassen Sie einfach Ihre Gedanken wie eine ankommende Welle kommen und langsam auslaufen. Atmen Sie ein und sagen sich: „Ich sehe die Situation so wie sie ist.“ Und wenn Sie ausatmen sagen Sie sich: „Ich nehme die Situation so an wie sie ist.“

Lassen Sie dabei auch alle Gefühle zu. Wir flüchten oft vor unangenehmen Gefühlen in den Kopf, den wir uns dann unnützerweise zerbrechen. Letztendlich ist dies aber nur eine Vermeidung unsrer darunterliegenden Gefühle. Gefühle sind das Lebendigste, was wir haben. Wenn wir ruhig sitzen, achtsam atmen und diesen Gefühlsenergien bereitwillig Raum geben und ihnen erlauben, im achtsam-beobachtenden Modus durch unseren Körper zu fließen, ohne sie zu bewerten oder zu bekämpfen oder uns mit ihnen zu identifizieren, werden wir eine tiefe Entspannung und Frieden, ja oft spontane Freude verspüren und wir kommen in den liebevollen Raum innerer Herzensstille. Dieser Frieden ist tiefer als unsere Gedanken.

Bewertungen aufgeben

Von Kindesbeinen an lernen wir in dieser dualen Welt alles zu beurteilen und zu bewerten. Alles und jeden zu trennen in gut und schlecht, sympathisch oder unsympathisch. So stecken wir Personen und Situationen in Schubladen. Solche dauerhaften Bewertungen sind aus Zurückweisungen entstanden. Wir wurden zurückgewiesen wenn unser Verhalten nicht entsprechend war. Diese Zurückweisungen haben zu Bewertungen geführt. Sie haben aber auch dazu geführt, dass wir bestimmte Erfahrungen gar nicht mehr gemacht haben. Wir leiden, weil wir das was wir mögen von dem trennen, was wir nicht mögen. Wir sitzen unser Leben lang zu Gericht und be- oder verurteilen ständig. Mit welchem Recht eigentlich? Und zu welchem Preis! Durch ständiges Bewerten gehen uns viele Erfahrungen verloren, wir lernen Menschen nicht kennen, wir geben unsere Verbundenheit mit anderen auf, weil wir uns zur Insel machen, die ein anderer nur betreten darf, wenn er unseren Bewertungen standhält. Handeln Sie entgegengesetzt. Wenn Sie jemanden ablehnen, nur weil Ihnen sein Aussehen nicht passt, gehen Sie in die Beziehung, reden Sie mit ihm. Erlauben Sie sich neue Erfahrungen, versuchen Sie weniger zu bewerten oder sich das Bewerten zumindest bewusst zu machen, Sie werden damit angst- und sorgenfreier, achtsamer und liebevoller, neugierig und lebendiger.

Diese heitere Gelassenheit wünscht Ihnen,

Dr. Wolf Maurer

 

Weiterführende Hörbücher:

PSS 1-4, 7, 8, 11, 14, 16, 18, 19, 23, 26

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