Bewusstseinstexte Dr. W.-J. Maurer

Der einzige Kampf, der es wert ist, auszufechten, findet in unserem Geist statt

von Dr. med. Wolf-Jürgen Maurer

 

Unser gespaltener unruhiger Geist ist die Quelle all unserer Konflikte.

Und nur dort ist der Ort, wo wir sie lösen können.

Wenn wir die Angst in unserem Geist überwunden haben, wird im Außen kein Krieg und kein Kampf mehr sein.

Durch Angst wird unser Geist vom Ego in Geiselhaft genommen.

Das Ego ist der Teil unseres gespaltenen Geistes, der an Trennung und Besonderheit glaubt und uns an einem zerbrechlichen begrenzenden Selbstkonzept festhalten lässt, das über unsere Lieblings-Problemgeschichten schmerzliche Erfahrungen aus unserer Vergangenheit wie in einem Wahn-Traum verewigt.

Diese Stimme der Angst hat unserem Unbewussten eingeflüstert, dass wir kein glückliches Ende verdient haben, dass Liebe uns verletzlich macht, dass wir ihr und anderen Menschen, und damit der Liebe und letztlich auch Gott, nicht trauen dürfen.

Nur wenn wir auf unsere eigene Stärke und dem Rat des Egos, das sich uns als neuer Gott anbietet, hören, verspricht es uns, durch seine Be- und Verurteilungen und die empfohlenen Vermeidungs-, Kampf-, Kontroll-und Manipulationsstrategien Sicherheit zu verschaffen.

Das Ego lässt uns glauben, dass Situationen draußen in der Welt, in der das Böse lauere, die Quelle unserer Furcht sind.

Aber Angst entsteht in uns selbst, und eine Hölle nach der anderen brodelt in dem Geist, der an die konflikthaften trennenden Gedanken des Ego glaubt.

Aber wir sind nicht Kinder der Angst, sondern Kinder der allumfassenden Liebe, die unsere wahre Natur ist, an die wir uns wieder erinnern müssen, wenn wir glücklich leben wollen.

Menschen haben Angst, weil sie vergessen haben, wer sie in Wahrheit sind.

Was Angst bannt und Furcht vertreibt, ist die Bereitschaft, sich zu erinnern, dass wir geistig nie getrennt sind von der Liebe und dass nur unsere urteilenden Gedanken uns verletzen können.

Wenn wir nicht auf die Stimme der Angst, unseres kleinen Selbstes, hören, sondern jeden Augenblick neu wählen, auf die innere Stimme unseres wahren höheren Selbstes, der Liebe zu hören, und unsere ego-und angstbasierten, urteilenden, Ärger und Sorger produzierenden Gedanken, Rechthabereien, sowie unsere Erwartungen, starren Vorstellungen als auch unsere Kontroll-und hyperaktiven Manipulationsbemühungen vertrauensvoll loslassen, werden wir Erfahrungen der Angst vertreiben.

Dann sind wir Gastgeber der Liebe und nicht mehr Geiseln der Angst unserer egozentrierten Selbstkonzepte.

Wir können nicht zur selben Zeit an die Liebe und an die Angst glauben.

Wir können alles, was uns als ein Problem erscheint, als Erinnerung und Weckruf benutzen, nicht weiter dem Ratgeber des angstvollen Ego in unserem Geist zu folgen, sondern auf die leise weise Stimme unseres liebevollen Geistes lauschen und zu unserem wahren Selbst und dessen Frieden zurückkehren.

Dann werden wir daran erinnert: Es gibt nichts zu tun- nur Liebe ist wirklich.

Wenn wir uns geistig mit diesem höher schwingenden Energiefeld verbinden, werden wir Leichtigkeit erleben und andere Auswirkungen auch in der Welt erleben.

Und wir werden gelassen einfach wissen, wann wirklich etwas zu tun und was zu sagen ist.

Werden wir uns also als erstes bewusst, welche wild gewordenen angstbasierten Gedanken uns durch den Kopf rasen und entscheiden wir uns, nicht länger auf die durchgeknallte Stimme unseres Egos zu hören, wenn wir genug Schmerz erlebt haben und nicht länger leiden wollen.

Werden wir der Anklagen, an denen wir im Geist festhalten und unserer Selbstverurteilungen als auch unserer Opfergeschichten endlich bewusst, und entscheiden uns, sie loszulassen, um in Frieden zu kommen.

Und um neu unser Geburtsrecht, glücklich zu sein, zu wählen, achtsam zu bleiben und nicht weiter automatisch auf die Stimme der Angst, sondern der der Liebe zu hören.

Verorten wir unser Selbst nicht mehr getrennt, sondern verbunden mit und verankert am Ort der allumfassenden Liebe in unserem Geist, werden wir uns selbst als liebenswert und vollkommen liebend erfahren-und genau so werden wir andere Menschen hinter der trügerischen Oberfläche des ersten Blickes auch wirklich sehen können, und uns mit ihnen verbunden fühlen.

Immer wenn wir uns unglücklich und nicht in Frieden erleben, sollten wir aufmerksam auf unsere urteilenden Gedanken achten.

Unsere urteilenden Gedanken zerstören unseren Frieden und unser Glück.

Ärger kommt von urteilenden Gedanken.

Und diese führen zu Angriffshandlungen.

Wobei wir zurückbekommen, was wir geben- was wiederum unsere Schuld-und Angstgefühle vermehrt.

Wir sind nicht die Opfer der Welt, die wir sehen.

Nur radikale Vergebung ist der Schlüssel zu Frieden und unserem Glück.

Aber Vergebung ist immer eine eigene Entscheidung und auf jeden Fall ein längerer individueller Prozess, in dem wir uns zuerst unserem Schmerz, unserer Verletzung und unserer Wut stellen und die Trauer nicht übergehen dürfen.

Um dann an einen Punkt zu kommen, wo wir all dies nicht länger festhalten und in unserem Herzen Raum und damit Macht über uns geben wollen.

Weil wir nicht mit einem verhärteten und verschlossenen Herzen in Verbitterung enden wollen, suchen wir schließlich nach einem besseren Weg.

Und dies ist der Weg der Entscheidung, unsere Vergangenheit loszulassen, und nicht länger an unseren Schmerzen, und Opferspiele verursachenden, verurteilenden Gedanken festhalten zu wollen.

Um endlich frei zu werden für unser Glück.

Und dabei entdecken wir, was der kraftvolle Gedanke radikaler wahrer Vergebung besagt:

All das, was aus der Vergangenheit erinnert werden sollte, ist nur die Liebe, die wir gegeben und empfangen haben.

Wenn wir wählen, auf den Lehrer der Liebe in uns zu hören, werden wir erkennen, dass wir selbst verantwortlich sind für die Art und Weise, wie wir andere Menschen, die Welt und unser Leben erfahren.

Vergebung ist die Bereitschaft, sich für eine andere Sichtweise zu öffnen:

Ich möchte glücklich sein und Frieden erleben- ich bitte um Hilfe, die Dinge anders sehen zu können, um eine andere weisere Perspektive der Wahrnehmung und darum, die Vergangenheit und meine Urteile loszulassen, um für die Gegenwart frei zu werden.“

Vergebung räumt die Blockaden gegen die Liebe weg und macht den Weg für Heilung und Glück frei.

Und wir werden erkennen, das alles was wir selbst oder andere tun oder getan haben, entweder ein Ausdruck unserer oder ihrer Liebe ist oder aber ein Ruf nach Liebe- je nach dem Stand des jeweiligen Bewusstseinsgrades und Achtsamkeit.

Wir können uns selbst vergeben, weil wir stets unser Bestes gegeben haben, entsprechend dem aktuellen Bewusstseinsgrad, den wir bis dahin erreicht haben.

Nicht die Vergangenheit bestimmt unsere Zukunft, sondern wie wir in der Gegenwart mit unserer erinnerten Vergangenheit umgehen, bestimmt die Wirkungen unserer Vergangenheit.

Alles dient zu meinem Besten, je nachdem wie ich mich entscheide mit dem umzugehen, was ist, und ob ich es als gedanklichen Verstärker für Schuld, Hass, Angst und Trennung oder als Weckruf für Liebe und Verbundenheit benütze.

Wenn wir uns enttäuscht fühlen und unsicher sind, wie wir in einer Beziehung oder Situation handeln sollen, können wir uns fragen:

Basiert dieser Gedanke zur aktuellen Situation darauf, dass ich mich selbst wertschätze?

Wenn ich daran glaube, dass ich liebenswert, vollständig und ohne Mangel bin, wie werde ich dann darüber denken -und wie reagieren und handeln?

Nur das, was von mir selbst ausgeht, in meinem Denken, Reden oder Tun, kann nach dem Gesetz von Ursache und Wirkung bestimmen, was oder wer ich bin- niemals bestimmt mich, was außen in der Welt geschieht oder wie andere Menschen (über mich) denken, reden oder handeln!

Ich bin und bleibe so vollkommen liebend und liebenswert wie die Liebe mich schuf.

Daran zu glauben und auf die Rückkehr zur Liebe hoffend, auf sie meine Stärke setzend, und in ihr geistig meine Zuflucht suchend, ist der Weg der Vergebung.

Alle Liebe, die wir suchen, wohnt bereits unverlierbar in uns.

Die Verbundenheit mit der Liebe können wir auch nicht verlieren, wenn uns jemand verlässt, den wir lieben- außer wir verlieren uns in der Identifikation mit dem Egogeist in den trennenden und verurteilenden Gedanken, die die Stimme der Angst uns einflüstert.

Aber auch dies kann das Licht der allumfassenden Liebe, die in unserem Geist ewig Teil von uns ist -und wir von ihr- nur zeitweilig überschatten-jederzeit können wir neu wählen, in die Stille gehen und sie um Hilfe bitten.

Wenn wir in der Liebe wohnen, fühlen wir uns nicht geringer oder besser als irgendjemand.

Wenn wir voller Liebe sind, ziehen wir auch liebevolle Menschen und Umstände an.

Angst und Trennung sind Illusionen, nur jeder liebevolle Gedanke ist wahr.

Nur was von der Liebe stammt ist wirklich und hat Bestand.

Gefühle und Erlebnisse, die nicht von der Liebe stammen, erinnern uns daran, dass wir, nachdem wir sie achtsam gefühlt, empfunden und erforscht haben, mitsamt der sie erzeugenden gedanklichen Bewertungen und Geschichten loslassen können, um neu zu wählen, und um eine Perspektivenänderung unsrer Wahrnehmung (mit den Augen der Liebe) bitten dürfen.

Dies wird uns wieder in den geistigen Frieden nach Hause bringen.

Wenn wir alle Menschen, denen wir begegnen, durch die Augen der Liebe (statt durch die Augen der Angst) sehen und ihnen Frieden, Glück und Liebe wünschen, werden wir spüren, daß wir unsere Segnungen gleichzeitig damit auch uns selbst geben. Wir empfangen was wir geben.

Ich empfehle Ihnen, wenn sie mit einer Situation, einer Beziehung oder einer Person nicht im Frieden sind, Ihren tieferen Ängste ins Auge zu sehen und sich achtsam und mitfühlend mit allen schmerzlichen emotionalen Wurzeln, früheren Erlebnissen und damit zusammenhängenden Geschichten zu konfrontieren- am besten intensiv und konzentriert über den Zeitraum einer Woche.

Es gibt immer eine Geschichte, die hinter dem Problem steht, das uns aktuell in Aufruhr versetzt und in Unfrieden bringt.

Gehen Sie in Ihrer Lebens-Zeit zurück, und erstellen Sie eine Liste aller Personen ihres Lebens, die mit dem Problem und der schmerzlichen Empfindung irgendwie zu tun haben.

Lassen Sie sich bei geschlossenen Augen zurücktreiben und sich überraschen, welche Personen und Situationen, die mit diesem aktuellen Empfinden zusammenhängen, vor Ihrem geistigen Auge auftauchen.

Beginnen Sie dabei mit der frühesten Erinnerung, und schreiben Sie nacheinander jeden Tag der Woche die verletzende Geschichte auf, die Sie mit mindestens einer bestimmten der bis zu 7 Personen, die in das aktuelle Problem involviert sind, erlebt haben.

Was haben Sie mit der Person erlebt, was damals gefühlt und was glauben Sie, was sie ihnen angetan und sie verletzt hat? Und was glaubten Sie in der Folge in der Situation über sich selbst?

Dann bitten Sie, die Situation und Person anders und neu zu sehen und öffnen sich bereitwillig für eine andere Perspektive auf das damalige Erlebnis und Ihre damit zusammenhängenden Gedanken, Geschichten und Überzeugungen.

Bitten Sie darum, wie Sie einen Weg finden können, die Situation mit anderen Augen sehen zu können, um sich stark und voller Kraft anstatt ängstlich und frustriert zu fühlen. Und schreiben sie die von ihrem weisen inneren Lehrer geschenkten neuen Einsichten auf.

Dann schreiben Sie dieser Person einen Brief (den sie in der Regel nicht abschicken), mit der Botschaft, die Ihnen geschenkt wurde vom mit der allumfassenden Liebe verbundenen weisen Teil Ihres Geistes (Ihres höheren wahren Selbstes), nachdem Sie sich aufrichtig bereit erklärt haben, die Situation mit den Augen der Liebe neu wahrnehmen zu wollen.

Um wieder in den Frieden-mit Ihrer Vergangenheit und der aktuellen auslösenden Problemsituation- zu kommen, und frei und glücklich leben zu können, lassen Sie ihre sie selbst verletzenden Gedanken und Urteile los und entscheiden Sie sich- bzgl. der Person und sich selbst- für radikale Vergebung, sobald sie dazu bereit sind.

Zwingen sie sich dabei zu nichts und gehen sie bei dem ganzen Prozess mitfühlend mit sich um.

Akzeptieren Sie allerdings Ihre Verantwortung für Ihre Wahrnehmungen und bitten Sie Ihren inneren Ratgeber, die Stimme für die Liebe, um Hilfe und hören Sie auf die Antworten und Einsichten und Empfindungen, die Ihnen dabei kommen.

Seien Sie in diesem Prozess vollkommen ehrlich zu sich und gehen Sie mit allen, oft sehr schmerzlichen Gefühlen, die dabei auftauchen, achtsam und mitfühlend um und begegnen Sie ihnen auf Augenhöhe.

 

Hier ein Warnhinweis:

Forcieren Sie nichts gegen Ihre innere Intuition und gehen Sie achtsam mit sich um!

Wenn Sie dabei drohen, völlig von ihren Gefühlen überflutet zu werden oder es sie aus dem Fühlkontakt zu sich selbst haut, holen sie sich therapeutische Begleitung- und dies auf unbedingt bitte, wenn sie ein oder mehrere schwere Traumata erlitten haben oder unter einer psychischen Erkrankung wie einer Angststörung oder Depression leiden.

Bei psychotischer oder psychosenaher Vorerkrankung ist dieser Prozess nichts für Sie!

 

Meditieren Sie jeden Tag mindestens eine Viertelstunde und gehen Sie in Ihren inneren Raum der Stille.

Und fragen Sie sich in allen Situationen, ob Ihre Entscheidung und Ihre Wahl mit Ihren tiefsten Werten übereinstimmt.

Dieser Prozess wird Ihnen wie eine Reise von der Hölle zum Himmel vorkommen.

Viele unserer Probleme haben damit zu tun, dass wir verzweifelt die Liebe, die längst in uns wohnt, woanders suchen und herbeizwingen wollen.

Wir müssen nicht alles haben und bekommen, was wir uns suchtartig wünschen, wenn wir den Weg zu unserer eigenen Angstfreiheit und der Verbundenheit mit der allumfassenden Liebe in unserem Geist finden, der nur durch unsere gedanklichen Verurteilungen, problematischen Selbstüberzeugungen und Problemgeschichten unbewusst verdeckt und schmerzlich lange blockiert wurde.

Je öfter wir auf die innere Stimme der Liebe hören und sie bei allen Entscheidungen achtsam um Hilfe bitten, und dabei selbst mit unserem Ego und den angstbasierten Geschichten unserer Vergangenheit aus dem Weg gehen, um so angstfreier werden wir, weil wir die Blockaden gegenüber der Liebe reduzieren und immer mehr erkennen, wer wir im Geiste als Kinder der allumfassenden Liebe wirklich sind.

Denken wir immer daran: Wir sind nicht, was wir tun, wir sind nicht, was wir haben, wir sind nicht, was die Anderen über uns sagen- all dies definiert uns nicht.

Wir sind Kinder der Liebe, und in dieser Gewissheit unserer wahren Identität leben wir geliebt und befreit.

Wir werden auf diesem Weg unseres Erwachens aus dem Ego-Traum von Trennung, Schuld, Hass und Angst zu unserem Glück erwachen- immer mehr liebend und immer weniger fürchtend.

Und in Frieden und Liebe gelassen leben.

Und in der Welt ein Licht sein, das die im eigenen Geiste erfahrene Liebe und den tiefen Frieden widerspiegelt und dankbar weiterschenkt.

Wir werden, wenn wir die Denkweise der Furcht ablegen und im Geist der Liebe bleiben, darauf vertrauen dürfen, daß denen, die lieben, alles zum Besten dient.

In Anlehnung an Römer 8 dürfen wir darauf vertrauen und hoffen:

Nichts kann uns von der Liebe trennen.

Weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte, weder unsere Ängste in der Gegenwart noch unsere Sorgen um die Zukunft, ja nicht einmal die Mächte der Hölle können uns von der Liebe Gottes trennen.

Und wären wir hoch über dem Himmel oder befänden uns in den tiefsten Tiefen des Ozeans, nichts und niemand in der ganzen Schöpfung kann uns von der Liebe Gottes trennen.

Die Liebe ist in unserem Geist immer gegenwärtig.

Nichts außer unsere eigenen Gedanken kann uns verletzen und uns von der Liebe trennen, die wir wesenhaft sind und mit der wir- auch wenn sie von Schattenträumen unseres Egogeistes zeitweilig verdeckt sein kann- in den Tiefen unseren Geistes und im unverletzlichen Kern unseres Wesens zeitlos verbunden sind.

Wenn wir in jeder Bedrängnis in die Stille gehen, betend und meditierend,

nach innen lauschen auf die Stimme der Liebe in unserem Geist, und ihre Antworten mit offenem Herzen hören, werden wir lernen, wirklich zu sehen und diese befreiende Liebe erfahren und in ihren tiefen Frieden zurückkehren.

Dieses Glück wünscht Ihnen von Herzen,

Dr. Wolf Maurer

 

Folgende bekannte alte Geschichte (eines mir unbekannten Autors) passt hier gut:

Die zwei Wölfe

Ein alter und weiser Indianerhäuptling sitzt eines Abends am Lagerfeuer im Tipi mit einem seiner Enkelsöhne beisammen und erzählt ihm über seine Erfahrungen im Leben:

Im Leben eines jeden Menschen gibt es zwei innere Wölfe, den weißen und den schwarzen Wolf. Beide ringen und kämpfen seit ewigen Zeiten miteinander um die Vorherrschaft in uns und damit in der Welt und werden dies auch in Zukunft weiter tun.

Den einen Wolf nennen wir Menschen böse oder auch falsch. Er steht für all die dunklen, schattenhaften Anteile in uns und arbeitet mit Trennung, Angst, Schuld, Selbstmitleid, Verleugnung, Unterdrückung, Betäubung, Depression, Isolation, Zwietracht, Egozentrik, Geltungssucht, Eifersucht, Neid, Gier, Maßlosigkeit, Habsucht, Genusssucht, Überheblichkeit, Intoleranz, Fanatismus, Dogmatismus, Zwang, Verhärtung, Erstarrung, Vorurteil, Verachtung, Destruktivität, Feindschaft, Wut, Gewalt und Hass.

Den anderen Wolf nennen wir Menschen gut oder auch richtig. Er nutzt Verbindung, Vertrauen, Offenheit, Liebe, Großzügigkeit, Wohlwollen, Güte, Verständnis, Mitgefühl, Freundschaft, Friedfertigkeit, Rücksicht, Demut, Gelassenheit, Wahrhaftigkeit, Hoffnung, spielerische Heiterkeit und Freude ebenso wie Flexibilität, Wandlungsbereitschaft, Kreativität, Begeisterungsfähigkeit, Autonomie, Klarheit für Einsicht, Kritikfähigkeit, Maßhaltigkeit, Selbstbeherrschung, Verlässlichkeit, Mut, dynamische Tatkraft, Zielorientierung, Visionen, Willensstärke und Durchhaltevermögen.“

Der Enkel schaut nachdenklich in die züngelnden Flammen des auflodernden Feuers. Funken steigen auf und verlieren sich im Nachthimmel. Nach einer langen Weile fragt er seinen Großvater:

Und welcher der beiden Wölfe wird gewinnen, Großvater?“

Und der alte Häuptling schaut ihn eindrücklich an und entgegnet:

Der wird letztendlich gewinnen, den du am häufigsten fütterst!

 

Und ebenso gehört diese alte taoistische Geschichte an diese Stelle:

Die folgende Geschichte trug sich zur Zeit Laotses in China zu und Laotse liebte sie sehr:

 

Ein alter Mann lebte in einem Dorf, sehr arm, aber selbst Könige waren neidisch auf ihn, denn er besaß ein wunderschönes weißes Pferd. Könige boten fantastische Summen für das Pferd, aber der Mann sagte stets: «Dieses Pferd ist für mich ein Freund. Wie könnte ich einen Freund verkaufen?»

Der Mann war arm, aber sein Pferd verkaufte er nie.

Eines Morgens fand er sein Pferd nicht im Stall. Das ganze Dorf versammelte sich und die Leute sagten: «Du dummer alter Mann!

Wir haben immer gewusst, dass das Pferd eines Tages gestohlen würde.

Es wäre besser gewesen, es zu verkaufen. Welch ein

Unglück!»

Der alte Mann sagte: «Geht nicht so weit, das zu sagen. Sagt einfach: Das Pferd ist nicht im Stall. Soviel ist Tatsache, alles andere ist Urteil. Ob es in Unglück ist oder ein Segen, weiß ich nicht, weil dies ja nur ein Bruchstück ist. Wer weiß, was

darauf folgen wird?»

Die Leute lachten den Alten aus. Sie hatten schon immer gewußt, dass er ein bisschen gaga und verrückt war.

Aber nach fünfzehn Tagen kehrte das Pferd eines Abends plötzlich zurück. Es war nicht gestohlen worden, sondern in die Wildnis ausgebrochen. Und nicht nur das, es brachte auch noch ein Dutzend wilder Pferde mit. Wieder versammelten sich die Leute und sie sagten: «Alter Mann, du hattest recht. Es war kein Unglück, es hat sich tatsächlich als ein Segen erwiesen.»

Der Alte antwortete: «Wieder geht ihr zu weit. Sagt einfach: „Das Pferd ist zurück.“ Wer weiß, ob das ein Segen ist oder nicht? Es ist nur ein Bruchstück. Ihr lest nur ein einziges Wort in einem Satz – wie könnt ihr das ganze Buch beurteilen? Das Leben geht seinen eigenen Weg.» Dieses Mal wussten die Leute nicht viel einzuwenden, aber innerlich wussten sie, dass der Alte Unrecht hatte.

Zwölf herrliche Pferde waren gekommen.

Der alte Mann hatte einen einzigen Sohn, der begann, die Wildpferde zu trainieren. Schon eine Woche später fiel er vom Pferd und brach sich beide Beine. Wieder versammelten sich die Leute und wieder urteilten sie. Sie sagten: «Wieder hattest du recht! Es war ein Unglück! Dein einziger Sohn hat sich jetzt so verletzt und er war die einzige Stütze deines Alters. Jetzt bist du ärmer als je zuvor.»

Der Alte antwortete: «Ihr seid besessen vom Urteilen. Geht nicht so weit. Sagt nur, dass mein Sohn sich die Beine gebrochen hat. Niemand weiß, ob dies ein Unglück oder ein Segen ist. Das Leben kommt in Fragmenten, und mehr bekommt ihr nie zu sehen.»

Es ergab sich, dass das Land nach ein paar Wochen einen Krieg begann. Alle jungen Männer des Ortes wurden zwangsweise zum Militär eingezogen. Nur der Sohn des alten Mannes blieb zurück, weil er nicht gehen konnte. Der ganze Ort war von Klagen und Wehgeschrei erfüllt, weil dieser Krieg nicht zu gewinnen war und man wusste, dass die meisten der jungen Männer nicht nach Hause zurückkehren würden. Die Leute kamen zum alten Mann und sagten: «Du hattest Recht, alter Mann – es hat sich als Segen erwiesen. Dein Sohn war zwar verkrüppelt, aber immerhin ist er noch bei dir. Unsere Söhne sind nun für immer fort.»

Der alte Mann wehrte ab: «Es ist einfach unmöglich, mit euch Leuten zu reden. Ihr könnt es einfach nicht lassen – ewig diese Urteile. Niemand weiß etwas! Sagt doch nur, dass eure Söhne in die Armee geholt worden sind und mein Sohn nicht. Aber ob das nun ein Segen ist, oder ein Unglück, das weiß niemand. Kein Mensch wird das je wissen.»

Seither weiß man in diesem Dorf: Was ein Segen ist, kann auch ein Unglück sein.

Was wie ein Unglück aussieht, kann auch ein Segen sein.

 

Durch unsere Urteile produzieren wir unnötige Dramen und Sorgen, die wir uns aus der Zukunft borgen und unser Leben schwer und voller Angst machen.

Wir leiden mehr unter den Geschichten, die wir uns in unserem Kopf erzählen, als unter den Tatsachen des Lebens.

In Bayern heißt es deshalb zurecht: „Schaun mer mal, dann sehn mer scho!“

 

Dr. Wolf Maurer

 

 

Weiterführende Hörbücher „Psychosomatik Scheidegg“ unter www.anima-mea.org:

PSS 2, Angst als Seelenfresser oder Lebenswecker

PSS 4, Abschied, Trauer, Neubeginn

PSS 5, Burnout-Fegefeuer der Eitelkeiten

PSS 7, Selbstwertschätzung- Freundschaft mit sich selbst schliessen

PSS 8, Depression-der emotionale Infarkt

PSS 9, Partnerschaft- Liebe, Lust und Leiden

PSS 13, Selbstheilung unterstützen-die Kraft des „inneren Arztes“ nutzen

PSS 15, Selbstentwicklung-Ende des Maskenballes

PSS 18, Gelassenheit entwickeln- Lebensfreude und Zufriedenheit entdecken

PSS 19, Lass los, was dich unglücklich macht…und lebe!

PSS 21, Leben oder Funktionieren- die eigene Identität entwickeln

PSS 23, Fragen, die Sinn stiften…und Ihre Welt verändern

PSS 24, Lebenskunst- Das Gute leben

PSS 26, Kränkung und Vergebung

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